Wenn Kap, dann Nord - Teil 3

Dezember 01, 2022 4 translation missing: de.blogs.article.read_time

Wenn Kap, dann Nord - Teil 3

Meanwhile in Norge…. Wiederwillig stecken wir unsere Bankkarte in den Schlitz der automatisierten Mautstation. Moderne Wegelagerei die Zweiradfahrer aufgrund der einladenden Lücke neben dem Schlagbaum zu kriminellen Handlungen verführen möchte, doch dieses Mal siegt noch der Anstand in uns. Nach der zu erbringenden Gebühr, die zwischen 40 Tonner und Mofa keinen Unterschied kennt, öffnet sich die Schranke. Sie verschafft uns unerwartet den Zugang in eine völlig andere Welt. Der Scharm des dünnbesiedelten Lillehammer schlägt nun in völlige Abgeschiedenheit um. Die davor eher flach wirkende und bewaldete Gegend ändert sich radikal in bergige Landstriche mit gedrungenen Flechtengewächsen und endloser Weite. Die wenigen Leute die uns in diesen Tagen begegnen sind ausnahmslos Hirten die in einfachen Behausungen ihr Nutzvieh hüten. Die Artenvielfallt der hier angesiedelten Tiere überrascht uns. Im Vergleich zu unserem heimischen einfarbigen Blökgetier, treffen wir hier auf bunte Schafe mit langen Rasterlocken und flauschig, weichem Fell. Kurzerhand wird überprüft ob der kontaktfreudige Fellträger das nötige Packmaß des Motorradkoffers erfüllt.  Die Vorteile eines zotteligen wärmenden Zeltgenossens während einer kalten Polarnacht, lassen uns damit liebäugeln die sympathischen Artgenossen unserer Sitzbezüge zu verschleppen. Unsere euphorische Haltung zu diesen Tieren beruht darauf, dass wir nun schon seit über 7000 Km auf dem Skalp ihrer deutschen Verwandten sitzend die Tour bestritten haben und somit die Vorzüge des weichen, regenabweisenden Fells zu schätzen wissen. Schweren Herzens nehmen wir Abschied von den bereits als Rudelmitgliedern akzeptierten Vegetariern und konzentrieren uns wieder auf den Genuss der weitläufigen Schotterpisten.

Skalp der deutschen Verwandten unserer zotteligen Rudelmitgliedern

Nach einem grandiosen Tag auf den Pfaden Einunndalens entsinnen wir uns zu später Stunde nach einem Nachtlager Ausschau zu halten. Fündig werden wir hier auf einer Anhöhe welche einen spektakulären Rundumblick ermöglicht. Doch an Entspannung ist nicht zu denken. Um uns herum Brechen die Schleußen des Himmels und zeigen uns erneut die Rauheit des Landes auf. Uns triff das Glück des Reisenden. Wir befinden uns genau im Auge des Sturmes, obgleich wir von Regenwänden umzingelt sind bleiben unsere Zelte trocken. Obwohl wir uns aufgrund des Brennholzmangels schon auf eine kalte Nacht einstellten, lösten wir das Problem durch innere Erwärmung mittels Ethanolheizung auf Flachmannbasis.

Die Weite Einnundalens - Norwegen

Der Ablauf der folgenden Tage gestaltet sich ähnlich. Ein weiterer Höhepunkt dieser Tage war die Sichtung einer Elchfamilie. Von der Hoffnung getrieben die Tiere vor die Linse zu bekommen, wurde hektisch der Seitenkoffer aufgerissen um nach der Kamera zu kramen. Bei dieser Aktion wurde der Deckel stark beschädigt und wir besinnen uns mal wieder daran die Momente doch lieber analog anstatt digital zu erleben. Vergebens dieses Einsatzes verschwanden die scheuen Tiere zu schnell im Unterholz, als dass wir diesen Moment festhalten konnten. Nach dem morgendlichen Wenden der Unterwäsche sehen wir uns aufgrund erschöpfter Wendemöglichkeiten gezwungen, unsere Route in Richtung Zivilisation zu führen um die Zentimeterdicke Patina der Wildnis los zu werden. Zur späten Stunde erreichen wir einen Campingplatz an dem wir uns mal was gönnen: Einen Bungalow mit Betten und Heizung– Einmal das günstigste bitte! Am nächsten Morgen wachen wir total verkatert auf: Das Schlafen im warmen bekommt uns anscheinend nicht mehr…

 

Trotz unserem, mittlerweile sehr verwildertem Äußeren, wirken wir anscheinend noch sehr sympathisch auf unsere Mitmenschen. Kurz nach dem Frühstück, stilecht Speck und Eier, werden wir von einem holländischen Motoradfahrer angesprochen der sich unserer lustigen Truppe für ein paar Tage anschließen möchte. Nach 2 Tagen Überlebenstraining in der Wildnis verlässt uns Jaspar auf direkten Weg in die Tulpennation. Aber die nächste Reise mit ihm ist bereits schon geplant.

 

Nächster Halt: Norberg/Sverige. Den Pflichtbesuch bei unseren Freunden Sune und Kicki lassen wir uns auf keinen Fall entgehen. Aus einem kurzen Besuch werden drei Tage Einführung in die schwedische Kultur. Angeln ohne Fische zu fangen, Kaffeestücken in der historischen Bäckerei, abends im Pub versumpfen. Nicht nur die Geselligkeit der Schweden ist uns sehr ans Herz gewachsen, sondern auch ihre Offenheit und ihre Gastfreundschaft. Trotz unseres durchnässten und sehr Geruchs intensiven Zustandes wird uns kurzerhand der Wohnungsschlüssel überreicht, der Kühlschrank mit Bier gefüllt und ein warmes Grillhähnchen serviert. Wer so herzlich empfangen wird, den zieht es nicht nach Hause. Gerne würden wir länger bleiben doch der Abfahrtstermin der Fähre zieht uns Richtung Süden. Zum Glück können wir noch eine letzte Nacht unter freiem Himmel verbringen. Abseits des Weges treibt uns unsere Neugier durch ein offenstehendes Kuhgatter auf eine große Weidefläche, an deren Ende ein traumhaftes Open Shelter direkt an einem See gelegen steht. Der entgegenkommende Landwirt lädt uns herzlich ein die Nacht hier zu verbringen. Aufgrund des hohen Pilzaufkommens wissen wir gar nicht wohin mit unseren Zelten. Ein dekadentes Steinpilzfrühstück stärk uns für den unangenehmsten Teil der Reise: Die Heimfahrt.

Steinpilz Frühstück

Schon von weiten kann man sie sehen. Die leuchtend weißen Tennissocken deren spießigen Halbschuhträger sich bereits Lautstark über die mangelnde Abfertigungsgeschwindigkeit der Fährangestellten beklagen. Von der Hektik überrumpelt sehnen wir uns zurück in skandinavische Idylle. Das Geschehen vor der Zufahrtschranke ähnelt einem Qualifying um die Besten Fährdeckplätze. Der Höhepunkt dieses Epos entlädt sich wie ein Sturm auf eine Burg nach Hollywoodmaßstäben.

Umso mehr Genießen wir es an der Herzinfarkt nahen Menge vorbei nach vorne gewunken zu werden.

Mit dem Gedanken im Hinterkopf sich wieder auf den Alltag einstellen zu müssen gestaltet sich die Heimreise als besonders emotional durch Freude und Trauer zugleich.

Es ist uns klargeworden, dass der Alltag einen viel zu schnell einholt. Durch die Hektik vergisst man oft sich seiner endlichen Zeit auf Erden bewusst zu werden.

Rückblickend auf die Reise sind wir stolz darauf sagen zu können wieder ein großes Stück gewachsen und um viele schöne Momente und Erlebnisse reicher zu sein.

Erfahrung kommt eben doch von Erfahren…