Wenn Kap, dann Nord - Teil 1

Dezember 01, 2022 3 translation missing: de.blogs.article.read_time

Wenn Kap, dann Nord - Teil 1

 

Bääähhhkotzwürg – lecker Surströmming, äääh NEIN, eher nicht!!! Das war unser Mitbringsel aus dem Urlaub. Unsere Erinnerungen an die Tour sind um so Vieles besser, als diese schwedische Brechreiz fördernde Fisch-Delikatesse.

Leckeres Surströmming - Filée

Aber erst mal Alles auf Anfang. Nach 680 feuchten Autobahnkilometern und 30 Stunden langer Fährüberfahrt erblicken wir am dritten Morgen unserer Reise Helsinki am Horizont. Der Anblick der bewaldeten Buchten der skandinavischen Hafenstadt lässt unsere Herzen schneller schlagen. Voller Tatendrang stürmen wir zusammen mit den anderen Passagieren das Auto-Deck. Von der Angst gejagt, das Schiff könnte Einen versehentlich wieder mit zurück nach Deutschland nehmen, nimmt das Gedränge um die Pole Position vor der Laderampe lebensfeindliche Ausmaße an. Sicherheitshalber werden im nichtbelüfteten Schiffsrumpf die Motoren der überladenen Familienkutschen hektisch auf Betriebstemperatur gebracht.

Froh lebend das Schiff verlassen zu haben, finden wir uns nach einigen Kilometern in finnischer Idylle direkt an einen bewaldeten See wieder. Hier genießen wir das mit unserer teuer erstandenen Filterpumpe frisch gezapfte Seewasser. Der waldig-torfige Geschmack ist mit keinem anderen Wasser zu vergleichen. Es erinnert uns an einen edlen Tropfen aus schottischen Holzfässern, Lecker!

Gefiltertes Seewasser mit der Katadyn Pumpe

Wir sind angekommen! Wow! Skandinavien wie aus dem Bilderbuch, endlose Straßen, weite Wälder und traumhafte Seen.  Die Tage werden länger, die Nächte kürzer. Der ungewohnte Zyklus lässt unseren Biorhythmus völlig durcheinanderkommen. Abendessen um 1 Uhr morgens, keine Seltenheit. Zeltaufbau kurz danach, immer noch ohne Taschenlampe. Besonders anstrengend: die Nächte im Open Shelter, die dem Lied „Atemlos durch die Nacht“ eine völlig neue Bedeutung verliehen. Die frei zugänglichen Unterstände mit ihren offenen Feuerstellen, zwingen uns bei ungünstiger Windrichtung schon einmal dazu, durch die Spalten des Bretterbodens zu atmen. Doch neben dem Vorteil ein Dach über den Kopf zu haben, lernt man hier auch interessante Leute kennen. Mitten in einem National Park treffen wir so auf Lasse und Jari, zwei Finnen, die mit ihrem deutschem Schäferhund Waldo durch Lappland hiken. Bei Lagerfeuer und Bier erzählen sie uns von der finnischen Kultur, wie der Kuksa. Die traditionelle lappische Holztasse, darf dort in keinem guten Haushalt fehlen. Der nächste Morgen beginnt mit einem eiskalten Bad im kristallklaren Bergsee. Sau kalt, aber nötig!

Open Shelter in Finnland - Atmen durch die Bodendielen

Wir passieren den Polarkreis. Nun gilt unsere Aufmerksamkeit vor allem dem Dickicht links und rechts des Weges, aus dem immer wieder Rentierherden die Straße kreuzen oder sie auch vollkommen blockieren. Unsere anfängliche Euphorie über die beurlaubten Helfer des Weihnachtsmannes, verschwindet sehr schnell und wir nehmen sie zunehmend nur noch als Gefahrenquelle war.

Mit jedem Kilometer den wir weiter gen Norden reisen, merken wir, welcher Aufwand betrieben werden muss, um den kargen Leben im Winter zu trotzen. Bemerkbar macht sich dies durch große Holzvorräte vor den Häusern, große Forst-Maschinen und riesen Räumschilde. Die geringe Bevölkerungsdichte verleiht der Landschaft eine Leere, die sehr entschleunigend auf uns wirkt. Immer wieder halten wir an, um die Weite bei Kaffee und Gebäck zu genießen. Kurz vor der norwegischen Grenze ergattern wir nach langer Suche unsere eigenen Kuksas. Ab jetzt schmeckt uns der Kaffee noch besser.

Unsere "waschechten" Kuksa Tassen

Eine schlagartige Änderung der Vegetation weißt auf den Grenzübergang hin. Die Bäume werden weniger, die Landschaft rauer und der Wind fegt ungehindert über das offene Land. Auf der alltäglichen Suche nach einem Lagerplatz, werden wir von Mückenschwärmen attackiert. Genervt von der Plage biblischen Ausmaßes suchen wir Schutz am nächsten Campingplatz. Die sympathische Betreiberin verspricht uns ein mückenfreies Quartier. Nach Bezug müssen wir leider auch hier das Gegenteil feststellen. Die Jagd beginnt. Nachdem wir die Rangordnung im Bungalow wieder hergestellt haben, feiern wir unseren Triumph in der Birkenholz befeuerten Sauna. Gestärkt und ausgeruht treten wir die letzte Etappe zum nördlichsten Punkt unserer Reise an.

Bei bestem Wetter gestartet, verspricht uns Petrus einen grandiosen Blick auf das Polarmeer. Doch genau 10 km, was in etwa der Entfernung einer skandinavischen Mil entspricht, bevor wir das Ziel unserer Reise erreichen, zieht dichter Nebel aus der Barentssee. Der majestätische Anblick des Naturschauspiels überwältigt uns.  Weiter geht’s im Blindflug. Der dichte Nebel durchnässt unsere Kleidung. Erschöpft aber happy erreichen wir gegen 22 Uhr das lang ersehnte Ziel: 71°10‘21‘‘. Das Nordkapp.

Nordkap!!!

Hmmm…27 Euro Eintritt haben einen faden Beigeschmack. Das obligatorische Foto vor dem Globus ist aber Pflicht. Natürlich fotografiert von Mitbürgern fränkischer Herkunft. Man trifft sie wirklich überall. Sie berichten uns von schlepperähnlichen Zuständen in den überladenen Ausflugsbussen. Auf Notsitze gepfercht wurden Sie zu Wucherpreisen an die wohl teuerste Kaffeetheke Lapplands gekarrt. Big Business!

Stolz darauf das geplante Ziel ohne Zwischenfälle erreicht zu haben, sehen wir nun erwartungsvoll dem Rest unserer Reise entgegen. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir nicht was uns noch alles in Norwegen und Schweden erwarten wird. Denn das Abenteuer ist noch lange nicht zu Ende….